Jornal
do Brasil, Sonntag, 10.9.06
Lokalteil, S.A22, “Neues aus Rio” (Fred Suter)
Lange
Hand
Der
Gerichtshof für Wahlangelegenheiten des Bundesstaates Rio beschlagnahmte vier
Plakate mit der Erzählung A Igreja do
Diabo (Die Kirche des Teufels) von Machado de Assis aus dem Jahre 1874 und
dazugehörigen Illustrationen. Die Plakate wurden am 3. September ohne Beschlagnahmungsmandat mitgenommen.
Mitarbeiter des
Gerichtshofes zeigten die Unregelmässigkeit als ein Vergehen gegen Artikel 5
der brasilianischenVerfassung an.
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O Globo, Dienstag, 12.9.06
Leitartikel, S. 7, Luiz Garcia
Der
Teufel auf dem Strandboulevard Vieira Souto
Weil er
es satt hatte, immer Hiebe zu bekommen, entschloss sich der Teufel eines Tages,
seine eigene Kirche zu gründen. Die Ideologie war einfach: alle Tugenden waren
verpönt, alle Sünden wurden gefördert. Es wurde ein höllischer Erfolg, um das
richtige Ajektiv anzuwenden. Alle Welt trat bei.
Im Laufe
der Zeit fing die Menschheit jedoch an, Tugenden zu treiben – erst scheu und
langsam, dann ganz offen. Der Teufel war perplex und beklagte sich bei Gott.
Dieser wiederum, dank seiner grossen Erfahrung, tröstete ihn: „Das ist die
ewige Widerspruch der Menschheit“.
Dies
ist die Zusammenfassung einer berühmten Erzählung von Machado de Assis, “Die
Kirche des Teufels”, 1874 veröffentlicht. Der Text inspirierte eine Gruppe von
Bewohnern von Rio, die sich die verrückte Idee in den Kopf gesetzt haben, die
Köpfe der Menschen zu öffnen um origineller über die Dinge nachzudenken. Vor
einigen Tagen inszenierten sie eine, sagen wir mal, kleine Kapelle des Teufels
auf dem Strandboulevard Vieira Souto. Einige der Plakate hielten Lobreden –
natürlich ironisch – auf den Kauf und Verkauf von Wahlstimmen. Andere gaben
Auszüge der Erzählung von Machado de Assis wieder, mit dem Namen des Autors und
dem Jahr der Veröffentlichung. Die Inspiration war so offensichtlich wie die
Intention.
Einer
der Organisatoren erklärter später: “Wir machen künstlerische Happenings in der
Öffentlichkeit, ohne Vorankündigung, Werbung oder Urheberrechte. Da diese
Happenings eine lokale Wirlichkeit betreffen, müssen wir manchmal mit
Schwierigkeiten rechnen.”
In
diesem Fall, nämlich auf dem eleganten Stransboulevard Vieira Souto, wurden die
Schwierigkeiten ernsthaft. Zwei Kontrolleure des Wahlgerichtshofes, die von den
perplexen Einwohnern des feinen Viertels herbeigerufen wurden und sich als
Arimatéia und Alex zu erkennen gaben, lösten die Demo auf und beschlagnahmten
alle Plakate. Hinerher bestätigte die Richterin Adriana Moutinho im
Wahlgerichtshof die Beschlagnahmung. Als einer der Demonstranten versuchte, zu
erklären, es sei doch kein Verbrechen geschehen, fragte sie, ob er wüsste, mit
wem er es zu tun hätte.
Für die
Richterin und die Kontrolleure, war die Demonstrantengruppe des Handels mit
Stimmen – ein Wahlverbrechen - schuldig.
Bis gestern waren die Plakate immer noch beschlagnahmt.
Es wäre
lustig, wenn es nicht so ernst wäre. Natürlich wird bei den Wahlen in Brasilien
mit Stimmen gehandelt. Aber Leute in verantwortungsvollen Posten in der
Wahljustiz müssten in der Lage sein, zu verstehen, dass diejenigen, die den
besagten Handel treiben, weise genug sind, dies nicht in aller Öffentlichkeit
zu tun, und jedenfalls diesen Brauch nicht öffentlich zu verteidigen.
Wer sich
die Mühe macht, auf den Strassen oder durch die Medien die Aufmerksamkeit auf
dieses schändliche Tun zu lenken, tut dies natürlich nur, um ihn anzuzeigen.
Wenn dies aus ironische Art und Weise passiert, noch dazu mit Hilfe eines
Meisters der Ironie der brasilianischen Literatur, so ist die staatsbürgerliche
Gesinnung noch effizienter – so wie ein Stilett besser tötet als eine Keule.
Wahrscheinlich
wäre dieser letzte Satz für die hochachtbare Richterin eine Lobrede auf den
Mord.
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Jornal
do Brasil, Sonntag, 24.9.06
Lokalteil, S. A22, “Neues aus Rio” (Fred Suter)
Kultur läuft Gefahr
Drei
Wochen nach einer unbegründeten Beschlagnahmung hat der Wahlgerichtshof vier
Plakate mit Zitaten von Machado de Assis immer noch nicht zurückgegeben.
Der
Gerichtshof gibt keine Informationen oder Begründungen und gibt das Material
auch nicht mehr heraus. Somit begeht er Zensur und vergeht sich deutlich an der
Meinungsfreiheit. Der Eigentümer der Plakate hat sich die Mühe gegeben, einige
Kapitel der individuellen und kollektiven Rechte und Pflichten aus der
Verfassung zu zitieren. Laut der brasilianischen Verfassung ist die
intellektuelle, künstlerische, wissenschaftliche Aktivität frei, unabhängig von
Zensur oder Genehmigung.
Aber es nützte nichts.
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Jornal
do Brasil, Samstag, 4.11.06
Lokalteil, S. A18, “Neues aus Rio” (Fred Suter)
Em
cartaz
Nachdem
im vergangenen Monat in Ipanema Plakate mit Zitaten von Machado de Assis
beschlagnahmt wurden, ist jetzt [der Jurist und Schriftsteller] Rui Barbosa
dran.
Die
Kontrolleure des Wahlgerichtshofes des Bundesstaates Rio de Janeiro, die die
Beschlagnahmung veranlassten, haben sicherlich keinen von beiden gelesen.